Partys und
Shopping - das waren früher ihre Hauptbeschäftigungen.
Aber dann kam die Scheidung.
Plötzlich war Sandra W., 54, arm und
obdachlos.
Aber sie wahrt den Schein. Mit verblüffenden Überlebenstricks.
Ich wohne in einem Auto - und das steht in einem Hinterhof in Brentwood,
einem gutbürgerlichen Viertel von Los Angeles. Vor zwei Jahren war noch
alles ganz anders: Damals bestand meine Hauptbeschäftigung darin, mich zu
amüsieren. Dann reichte mein Mann Herbert die Scheidung ein. Hätte Herbert
es mir nicht gesagt, ich hätte es wohl nie erfahren, daß er eine Freundin
hatte. Ich habe auch nicht gemerkt, wie er mich geschickt ausbootete. Bis
ich eines Tages an meine Aktien wollte und feststellte, daß ich keine
einzige mehr besaß. Herbert hatte alle meine Beteiligungen auf sein Konto
übertragen. Heimlich hatte er all sein Geld auf die Seite geschafft und
erschien vor dem Scheidungsrichter als "armer Mann". Mir sagte man, ich
könne noch froh sein über die 600 Mark, die ich monatlich von ihm bekäme.
Als Herbert unser Haus verkaufte, erhielt ich nur einen winzigen Anteil
vom Erlös - und wurde obdachlos.
Anfangs bemühte ich mich noch um einen Job. Aber wer nimmt schon eine Frau
über fünfzig, deren einzige Ausbildung ein Kunstgeschichtsstudium ist? Ich
versuchte es als Kassiererin in einem Kaufhaus, aber ich kapierte nicht,
wie die Registrierkasse funktioniert, an meiner Kasse bildeten sich immer
lange Schlangen; nach einer Woche wurde ich gefeuert. Also war ich auf den
monatlichen Scheck von Herbert angewiesen; mein bißchen Erspartes - das
konnte ich mir schnell ausrechnen - würde nach zwei Jahren restlos
verbraucht sein, wenn ich nicht wahnsinnig vorsichtig damit umging. Das
größte Problem war die Wohnung, womit sollte ich die bezahlen? In Los
Angeles braucht man mindestens 2000 Mark für ein kleines Appartement. Ich
habe zuwenig, um vernünftig zu leben - aber zuviel, um als Sozialfall
unterstützt zu werden. Hier bekommt man erst dann Sozialhilfe, wenn man
weniger als 170 Mark im Monat zur Verfügung hat. Außerdem darf man kein
Auto oder sonstige Wertgegenstände haben. Aber von meinem Auto könnte ich
mich niemals trennen! Mein Cadillac ist der einzige Luxus, der mir
geblieben ist. Außer dem Haus war mir mein Auto schon immer das
Wichtigste. Also entschied ich, meine teuersten Kleider zu verkaufen und
das Geld in die Ausstattung meines Wagens zu stecken. Mein Cadillac wurde
mein Zuhause!
>> Von meinem Cadillac könnte ich
mich nie trennen. Er ist der einzige Luxus, der mir geblieben ist <<
Für ein paar Nächte leistete ich mir ein Motel, während eine Kühlbox in
den Wagen eingebaut wurde. Außerdem ließ ich die Rückbänke herausnehmen
und statt dessen ein Bett einbauen. Darunter sind mehrere Schubladen
installiert, an einer Seite ist eine Stange befestigt, die als Garderobe
dient. Meinen alten Nerzmantel benutze ich jetzt als Decke und tagsüber
als feudalen Bettüberwurf. Damit keiner von außen hineinsehen kann, ließ
ich getönte Scheiben einsetzen.
Ich hätte nie eine Wohnung mieten können, die mir diesen Komfort bietet
und die es mir ermöglicht hätte, in meiner vertrauten, guten Gegend zu
bleiben. Damit habe ich mir ein Stück meines Selbstwertgefühls erhalten.
Ich hätte es nicht ertragen in einem armseligen Loch in einem Slum oder
Vorort zu hausen. Ich wußte, wenn ich mit meiner Situation irgendwie
zurecht kommen wollte, mußte ich möglichst genauso weiterleben wie
frührer.
Etwa 1995:
Siggys älteste Kinder Tobias und Jessica
mit einem Cadillac
aus dem Jahre 1959
Nur eine einzige meiner alten Freundinnen, Jane, hält noch zu mir; alle
anderen haben sich von mir abgewandt. Jane hat mir erlaubt, daß ich mein
Auto in ihrem Hinterhof abstelle. Sie hat mir sogar ein kleines
Gartenhäuschen aus Metall gekauft. Darin ließen wir eine tragbare Toilette
einbauen, die ich am frühen Morgen oder spätabends, wenn mich niemand
sieht, benutzen kann.
Unter keinen Umständen wollte ich Dauergast bei Jane werden, das hätte uns
irgendwie die Freundschaft gekostet. Sie hat mir mehrmals angeboten, in
ihrem Haus zu leben, aber ich finde, "nach drei Tagen stinkt der
Fisch - und der Gast"!
Freunde und Bekannte, die ich nach meiner Katastrophe kennengelernt hatte,
treffe ich meist zu einer Tasse Tee und einem Croissant in einem Café,
manchmal verabrede ich mich auch in einem Shopping-Center - aber ich kaufe
nie etwas. Bei diesen Treffen versuche ich immer, die Unterhaltung von
meinen persönlichen Lebensumständen fernzuhalten. Das ist nicht schwer;
denn die meisten Leute reden ja sowieso am liebsten über sich selbst. Das
einzige Problem dabei ist, immer wieder eine Ausrede zu finden, warum ich
niemanden nach Hause einlade und dort auch nie anzutreffen bin.
Damit ich wenigstens indirekt erreichbar bin, habe ich in Janes Haus einen
Anrufbeantworter, auf dem man mir eine Nachricht hinterlassen kann. Der
Anrufbeantworter meldet sich mit Janes Telefonnummer, ohne Namen - so daß
niemand etwas merkt.
Einer meiner wichtigsten Grundsätze ist, auf meine äußere Erscheinung
dieselbe Sorgfalt zu verwenden, wie früher. Als ich meine Kleider
verkaufte, achtete ich darauf, eine kleine, aber sehr elegante und gut
kombinierbare Auswahl zu behalten. Ich behielt meine seidenen Blusen; denn
jede gutbetuchte Frau weiß, daß zerknitterte Seide sehr schick ist.
Außerdem behielt ich vor allem die pflegeleichten Teile, die ich von Hand
in einer Damentoilette waschen kann. Anschließend trockne ich sie unter
dem Fön.
Im Jahre 2005:
Siggys jüngste Tochter Viviane
mit einem Cadillac
aus dem Jahre 1959
Heute kann ich es mir nicht mehr leisten, meine Sachen in die Reinigung zu
geben, also habe ich mir den Trick mit dem Fitneß-Center ausgedacht. Am
besten ist, wenn der Klub gerade erst eröffnet hat. Interessiert schaue
ich mich um und tue so, als wolle ich Mitglied werden. Wenn man es
geschickt anstellt, kann man alles umsonst haben, sogar die Massage. Bei
meinen Besuchen im Fitneß-Studio ziehe ich immer das an, was am
dringendsten eine Reinigung braucht. Wenn ich dann aus dem Schwimmbad
komme, heuchle ich große Empörung und beschwere mich beim Manager, daß
jemand mein kostbares Kleid auf den Boden geworfen hat. Da bleibt ihm
nichts anderes übrig, als es auf seine Kosten reinigen zu lassen.
Meine Kosmetika organisiere ich mir mit diesem Spielchen: Ich frage im
Kosmetikladen, ob ich dies oder jenes mal ausprobieren darf, weil ich
leider eine sehr sensible Haut habe und bitte sie um eine Probe. Manchmal
fühle ich mich durchschaut. Ich muss vorsichtig sein, um nicht zweimal an
dieselbe Verkäuferin zu geraten.
Mein langes Haar ließ ich kurz schneiden, so daß ich es problemlos in der
Damentoilette eines Hotels waschen und fönen kann.
Duschen ist aber der reinste Luxus für mich. Ich habe drei verschiedene
Hotels, in die ich mich abwechselnd einschleiche und nach einem Zimmer
suche, das gerade von einem Gast geräumt wurde. Wenn die Luft rein ist,
schließe ich mich im Badezimmer ein und dusche in aller Ruhe. Die besten
Zeiten dafür sind der frühe Morgen oder der späte Nachmittag.
>> Einmal in der Woche gehe ich zu
einem Juwelier und lasse mir teuren Schmuck vorführen. Ein gutes Gefühl,
als wäre alles wie früher <<
Einmal in der Woche gehe ich zu einem Juwelier und lasse mir teuren
Schmuck vorführen. Die Verkäufer behandeln mich so, als könnte ich kaufen,
was ich möchte. Ich liebe das Gefühl und glaube dann für kurze Zeit, es
wäre alles wie früher. Aber sobald ich wieder Hunger bekomme, weiß ich,
daß alles nur schöner Schein war.
Was das Essen angeht, mußte ich meine Ansprüche ziemlich
herunterschrauben. Zum Frühstück gibt es jetzt nur noch ein trockenes
Brötchen mit einer Tasse Kaffee, mittags esse ich meist Gemüse und Früchte
- Sonderangebote! Am Abend hole ich mir dann ein Schälchen Reis vom
Chinesen oder eine Currywurst.
Aber auf die Dauer ist das alles nicht sehr amüsant, deshalb gehe ich auch
abends häufig aus, um mich abzulenken. Meistens bin ich allein unterwegs,
aber es gibt ja so viele Singles, die sich über einen kleinen Schwatz an
der Hotelbar freuen. Bei solchen Gelegenheiten habe ich immer eine kleine
Plastiktüte in meiner Handtasche. Inzwischen gelingt es mir ganz gut, die
Essensreste heimlich einzustecken.
Siggys
pinkfarbener
Cadillac
Mit all diesen Tricks komme ich mit meinen 600 Mark im Monat ganz gut über
die Runden - aber was passiert, wenn ich krank werde? Wenn ich zum Arzt
müßte, könnte ich nicht einmal die erste Rate seiner Rechnung bezahlen,
und versichert bin ich schon lange nicht mehr. Die andere große Sorge ist
mein Cadillac. Die Steuer bezahle ich zwar noch, aber die Versicherung
mußte ich kündigen. Gnade mir, wenn ich in einen Unfall verwickelt werde!
Da ich aber sowieso nur ein ganz kleines Budget für Benzin habe, kann ich
nur kurze Touren machen.
Von meinen Verwandten ahnt keiner, unter welchen Umständen ich lebe. Nicht
einmal meine Tochter Stephanie, die seit langem um die Welt reist. Hin und
wieder schickt sie mir Briefe an mein Postfach, an das auch Herbert seinen
monatlichen Scheck adressiert. Keiner von beiden käme jemals auf die Idee,
daß ich in einem Auto wohne. Warum sollte ich es ihnen erzählen? Stephanie
würde es belasten, aber helfen könnte sie mir auch nicht. Und Herbert?
Besser, daß er nichts erfährt, vielleicht würde ihn meine Misere sogar
erfreuen.
>> Bei Hochzeiten gibt es immer
gut und viel zu essen. Und niemand fragt eine elegant gekleidete Dame mit
Cadillac, ob sie auch wirklich eingeladen ist <<
Außerdem könnte sich bald Entscheidendes ändern. Vor zwei Monaten habe ich
bei einer Hochzeitsfeier Richard kennengelernt. Hochzeiten sind übrigens
eine feine Sache: Es gibt immer gut und viel zu essen, man hat Spaß und
begegnet interessanten Leuten. Die Einladung ist kein Problem; niemand
fragt eine elegant gekleidete Dame, die aus einem Cadillac steigt, ob sie
eingeladen ist. Nur ein einziges Mal ist mir das passiert, da habe ich den
Diener oder was er war nur kurz mit hochgezogenen Augenbrauen angeschaut
und gefragt: "Kennen Sie mich nicht?" Es war ihm furchtbar peinlich.
Bei einer solchen Hochzeit also habe ich Richard kennengelernt; wir
mochten uns vom ersten Augenblick an. Er hat mich auch schon mehrmals zum
Essen eingeladen. Er ist geschieden und hat, wie er sagt, das Alleinsein
satt. Ich glaube, es könnte was werden - mit uns beiden.
Aufgezeichnet
von Marjorie Burd - aus Marie Claire, München